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Fragen an Tacitus über unser Opfermoor und den Schössmeier

Tacitus schreibt im Kapitel 40 seiner Germania über verschiedene Stämme in der Nachbarschaft der Langobarden. Die Hervorhebungen stammen vom Autor dieses Artikels.

Schössmeier Niederdorla 2019 Schössmeier Niederdorla 2019, zu Pfingsten wird in Langula, Niederdorla und Seebach bei Mühlhausen ein Blumengestell durchs Dorf gefahren und die Anwohner müssen raten, wer unter dem Gestell sitzt. Foto: Michael Zeng
Schössmeier Niederdorla 2019, zu Pfingsten wird in Langula, Niederdorla, Oberdorla und Seebach bei Mühlhausen ein Blumengestell durchs Dorf gefahren und die Anwohner müssen raten, wer unter dem Gestell sitzt. Foto: Michael Zeng

Tacitus schreibt im 40. Kapitel seiner Germania:

"Sonst bemerkenswerthes findet sich bei diesen Stämmen nichts als ihre gemeinschaftliche Verehrung der Göttin Nerthus, das heißt der Mutter Erde, welche persönlich hier unten erscheinen und von Volk zu Volke fahren soll.

Auf einem Eiland des Ozeans ist ein heiliger Hain und in ihm steht mit einem Tuche bedeckt ein geweihter Wagen. Nur der Priester darf ihn berühren; er auch erkennt, wenn die Göttin in ihrem Heiligtume weilt und geleitet andachtsvoll ihren von weiblichen Rindern gezogenen Wagen.

Da ist dann fröhliche Zeit und Festlichkeit allerwärts wo die Göttin einzuziehen und zu verweilen geruht.

Niemand zieht in den Krieg, niemand greift zum Schwert, alle Waffen sind geborgen; die einzige Zeit wo man Frieden und Ruhe kennt, die einzige wo man sie lieben lernt, bis die Göttin, des Verkehrs unter Sterblichen satt, von demselben Priester in ihr Heiligtum zurückgebracht wird.

Dort werden Wagen und Gewand und – wer es glauben mag – die Göttin selbst in einem geheimen See gebadet. Die Gehilfen dabei sind Sklaven, welche alsbald jener See verschlingt. Darum schwebt geheimes Grauen und heiliges Dunkel um ein Wesen das der Mensch nur schauen darf um zu sterben."

Nerthus ist eine germanische Göttin der Erde, Fruchtbarkeit und des Wachstums, die besonders von nordseegermanischen Stämmen verehrt wurde.

Tacitus beschreibt hier ein Ritual der Langobarden und ihrer benachbarten Stämme. Könnten die Germanen unserer Gegend, ein ähnliches Ritual am Opfermoor abgehalten haben? Könnte daher der Brauch des Schössmeiers stammen, verändert durch viele Jahrhunderte? 

Donnerwetter.

Text und Foto: Michael Zeng

Zeitliche Dimensionen

Für die Betrachtung der Vergangenheit ist es wichtig, sich die Dauer von Zeiträumen deutlich zu machen. Wie lange dauerte eine Epoche?

Das Opfermoor und die Welt


600 vor Christus wurde am Opfermoor der älteste Altar errichtet. Von wem? Und was geschah zu gleichen Zeit in der Welt?

Um 600 vor Christus wurde am Opfermoor der erste Altar errichtet. Das war der Altar aus Steinplatten am Anfang des Rundgangs. 

Wir erkennen: Der Altar steht mitten in einem abgegrenzten Bereich. Das kennen wir auch bei Altären in christlichen Kirchen. Der Bereich, wo der Altar steht, ist optisch und baulich getrennt vom restlichen Raum der Kirche. 

Sonst wissen wir nur wenig über die Kultur, die den Altar aus Stein errichtete. Geopfert wurden Feldfrüchte, keine Tiere. Das lässt vermuten, es war eine Kultur von Bauern mit "veganen" Göttern. Zumindest mochte die an diesem Altar verehrte Gottheit kein Fleisch. 

An jüngeren Altären am Opfermoor wurden Tiere geopfert und sogar Menschen. 

In der Zeit zwischen 600 vor Christus und den jüngeren Altären fand also ein Wechsel statt: eine bäuerliche Pflanzer-Kultur wechselte zu einer Viehzüchter-Kultur. Ob sich dabei auch die Völker abwechselten oder die "Farmer" zu "Rangern" wurden, weiß man nicht genau. 

Wahrscheinlich wanderte eine fremde Kultur ein und beeinflusste die vorhandene. Der nächst jüngere Altar zeigt eine Mischung aus Elementen aus Stein und Holz. Wir sehen den nächst jüngeren Altar im Hintergrund des Fotos. Der Trend geht dann zu reinen Holz-Altären.

Was geschah in der Welt, als am Opfermoor die ersten Altäre errichtet wurden? Um 600 vor Christus?

Zu dieser Zeit lebte der babylonische König Nebukadnezar II. Er wird 91-mal in der Bibel erwähnt. Seine Truppen eroberten Jerusalem. Jüdische Gelehrte, Künstler und Handwerker wurden nach Babylon verschleppt. Ihre Familien auch.

Das war die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Juden.

In den 37 Jahren des Exils spaltete sich die jüdische Religion und Gesellschaft. Sie entwickelte sich in Babylon und Jerusalem unterschiedlich. 

In Babylon wurde der wahre Glauben gepflegt in Abgrenzung zu den Babyloniern mit ihren vielen furchtbaren Götzen.

In Jerusalem beeinflusste griechische Philosophie den jüdischen Glauben.

Aus beiden Wurzeln und Strömungen entwickelte sich eine neue jüdische Kultur. Das wirkt ja im Christentum weiter.

Auch in Ägypten geschah Erstaunliches, während am Opfermoor der erste Altar errichtet wurde.
In Ägypten herrschte damals Pharao Necho II. Nachdem der Pharao seine Feinde besiegt hatte, begann ein schöpferischer Frieden in Ägypten.

Zum Bau von Pyramiden fehlte den Pharaonen schon seit vielen Jahrhunderten Macht und Reichtum. Deshalb suchten sie andere Wege, um nicht vergessen zu werden. 

Necho II. beauftragte phönizische Seefahrer, in seinem Namen Afrika zu umsegeln, um seinen Ruhm zu mehren. 

Zwischen 596 und 594 vor Christus gelang dann auch die erste Umseglung Afrikas im Uhrzeigersinn vom Roten Meer zur Meerenge von Gibraltar. 

In dieser Zeit wurde am Opfermoor der älteste Altar gebaut.